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Was ist Integrative Paartherapie?

vor 2 Tagen
7 Min. Lesezeit


In jeder Partnerschaft gibt es schwierige Zeiten. Viele Paare streiten immer wieder über ähnliche Themen oder geraten aufgrund scheinbarer Kleinigkeiten in eskalierende Konflikte. Andere reden kaum noch miteinander oder haben das sexuelle Interesse aneinander verloren. Manche fühlen sich in Ihrer Beziehung allein, unverstanden oder nicht mehr geliebt. Jungen Paaren mit Kindern gelingt es häufig nicht, neben Berufstätigkeit, Kinderbetreuung und Alltagsbewältigung, die emotionale Verbindung aufrecht zu erhalten.


Oft geraten Paare in einen Kreislauf: Eine Person fühlt sich unverstanden oder nicht gesehen und wird laut. Die andere fühlt sich angegriffen und zieht sich zurück. Der Rückzug macht die erste Person noch verzweifelter. So entsteht immer mehr Abstand. In der Integrativen Paartherapie wird dieser "Teufelskreis" sichtbar gemacht und als gemeinsamer "Feind" identifiziert. Dann kann das Paar lernen, früher auszusteigen und anders miteinander umzugehen.


Integrative Paartherapie kann helfen, wieder miteinander in Kontakt zu kommen, sich selbst und einander besser zu verstehen, neue Wege miteinander zu finden und sich gemeinsam zu entwickeln.


Therapie vs. Entwicklungshilfe


Viele Paare kommen in die Paartherapie mit der Erwartung, jetzt wird entschieden, wer recht hat. Zu Beginn des Prozesses erlebe ich häufig den Versuch mich von der eigenen Sichtweise oder der "Schuld" des Partners zu überzeugen. In der Paartherapie geht es jedoch nicht um Schuldzuweisungen. Es geht darum, die Beziehungsdynamik zu verstehen und die dahinter liegenden Gefühle und Bedürfnisse sowie die prägenden Erfahrungen zu begreifen. Ich bin kein Richter und mit Ausnahme von körperlicher Gewalt, bewerte ich Ihr Verhalten nicht. Abgesehen von Ihren Kindern, versuche ich für niemanden Partei zu ergreifen. Vielmehr begreife ich mich als Entwicklungshelfer für Menschen in Beziehung und stelle einen geschützten Raum und Werkzeuge zur Verfügung, um sich als in Problemen, Konflikten und Missverständnissen ver-wickeltes Paar zu ent-wickeln.


Erlernte Beziehungs-Grammatik


Eine Ursache vieler Beziehungsprobleme liegt in der transgenerationalen Weitergabe von dysfunktionalen Interaktions- und Kommunikationsmustern. Das sich aus unseren ersten Bindungserfahrungen entwickelnde Beziehungsverhalten lernen wir in unseren Herkunftsfamilien wie die Grammatik einer Sprache. Als Erwachsene kommt diese erlernte Sprache in allen zwischenmenschlichen Beziehungen "automatisch" zur Anwendung, vor allem aber in romantischen Liebesbeziehungen. Nicht selten dienten diese erlernten Verhaltensmuster dem Überleben als Kind in Abhängigkeit zu erwachsenen Bezugspersonen. Die Bindung zu unseren Eltern aufrecht zu erhalten ist für uns Menschen, im wahrsten Sinn des Wortes, eine Überlebensnotwendigkeit. Hierfür erdulden wir beinahe alles, unterwerfen uns falls erforderlich und unterdrücken unsere Intentionen, Bedürfnisse, Gefühle oder die kindliche Lebensfreude.


Erschwerend kommt hinzu, dass Kinder (bis zu einem Alter von etwa 8 Jahren) negative Beziehungserfahrungen ausschließlich sich selbst zuschreiben. Die Eltern werden idealisiert und als Kinder fehlt es uns an der kognitiven Fähigkeit das Fehlverhalten der Eltern diesen selbst oder äußeren Umständen zuzuordnen. Der Gedanke eines misshandelten Kindes könnte beispielsweise lauten: "Mama macht keine Fehler. Wenn sie mich so schlecht behandelt, gibt es also nur eine logische Erklärung. Ich bin schlecht und habe es verdient." Dies hinterlässt gravierende Spuren in Identität und Selbstwert, die die Beziehungsfähigkeit nachhaltig beeinträchtigen. Dabei müssen keineswegs Gewalt oder Missbrauch vorliegen. Traumatischer Beziehungsstress kann beispielsweise auch durch einen emotional nicht erreichbaren Vater verursacht sein. Je nach genetischer Ausstattung und Temperament, reagieren Kinder - nach dem Prinzip Versuch und Irrtum - auf das dysfunktionale Verhalten ihrer Bezugspersonen um die Bindung aufrecht zu erhalten, um geliebt zu werden.


Vor diesem Hintergrund scheint offensichtlich, dass sich diese Beziehungsmuster, Kognitionen und Glaubenssätze aus der Kindheit in keiner Weise als Grundlage der Interaktion und Kommunikation zweier Erwachsener auf Augenhöhe eignen. Pointierter ausgedrückt könnte man auch sagen: In vielen Szenen erwachsener Beziehungen stehen sich eigentlich zwei Kinder gegenüber. Das Ergebnis sind Missverständnisse, Konflikte und Unzufriedenheit in der Partnerschaft.


Korrigierende Erfahrungen in Beziehung


Was ich immer wieder erleben darf: Wenn Menschen diese Zusammenhänge klar werden. Wenn sie verstehen was die zugrunde liegenden Ursachen Ihrer Kommunikationsprobleme, Missverständnisse und Konflikte sind und sie den Zusammenhang mit ihren beiden Biographien begreifen, fällt es ihnen leichter Verletzungen zu verzeihen, nachsichtiger miteinander umzugehen und neue Verhaltensweisen zu lernen.


Eine gute Beziehung entsteht also keineswegs von selbst und die allermeisten Menschen haben in ihrer Kindheit Kognitionen und Glaubenssätze erworben, die Beziehungen als Erwachsene erschweren. Aber die gute Nachricht ist: Dysfunktionales das gelernt wurde, kann gemeinsam bewusst gemacht werden und "bis dass der Tod uns scheidet", ermöglicht die Neuroplastizität unseres Gehirns, durch korrigierende Erfahrungen mit dem Partner neues Beziehungsverhalten zu erlernen.


Beispielsweise,

  • achtsamer miteinander sprechen,

  • Kritik weniger verletzend äußern,

  • einander wieder zuhören,

  • Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen und klar ausdrücken,

  • alte Verletzungen besser verstehen,

  • Nähe und Vertrauen wieder aufbauen,

  • Konflikte rechtzeitig beruhigen und fairer lösen,

  • als Paar wieder handlungsfähiger werden,

  • Wertschätzung bewusst zeigen,

  • Verantwortung für den eigenen Anteil übernehmen,

  • Intimität wieder zulassen,

  • gemeinsame Lösungen zu finden,

  • den Fokus auf Gelingendes richten.


Dabei steht keineswegs nur die aktuelle Beziehungsdynamik im Mittelpunkt. Gefühle, Körperwahrnehmung, Beziehungserfahrungen, Alltag, Familie und persönliche Lebensgeschichte werden mit einbezogen.


Integrative Humantherapie


Denn die Integrative Therapie sieht den Menschen ganzheitlich, also bio-psycho-sozial-ökologisch. Das bedeutet: Auch in einer Paartherapie geht es, über die gemeinsame Beziehung hinaus, um zwei autonome Individuen, mit ihren Gedanken und Gefühlen, mit ihren Körpern, ihrem Verhalten und ihren Ressourcen.


Einbezogen werden zum Beispiel:

  • Gedanken: Was denke ich über mich, dich und unsere Beziehung?

  • Gefühle: Was verletzt mich? Was macht mir Angst? Was macht mir Freude?

  • Körper: Wo und wie spüre ich Stress, Rückzug, Nähe, Anspannung und Entspannung?

  • Verhalten: Was tun wir immer wieder, obwohl es uns nicht gut tut? Was tun wir nicht mehr obwohl es uns gut getan hat?

  • Lebensgeschichte: Welche Erfahrungen bringen wir aus unserer Herkunftsfamilie mit und was hat das mit unserer Beziehungsdynamik zu tun?

  • Alltag: Welche Belastungen wirken auf uns und unsere Beziehung ein?

  • Ressourcen: Was hat uns früher verbunden? Was können wir wieder stärken? Was kann jeder für sich tun, damit es uns gut geht?


Was passiert in der Integrativen Paartherapie?


Das gemeinsame Ziel ist meist klar definiert. Der therapeutische Prozess dahin ist jedoch weder in der Einzel- noch in der Paartherapie im Detail planbar. Jedenfalls wird in der Integrativen Paartherapie - im Unterschied zu anderen Verfahren - keineswegs nur über die Beziehung gesprochen. Beziehung wird auch im geschützten Rahmen leibhaftig erlebt. Neue Wege werden gemeinsam erfahren und alternatives Verhalten geübt.


Zum Beispiel durch:

  • angeleitete Gespräche,

  • Achtsamkeits- und Wahrnehmungsübungen,

  • Übungen zu Nähe und Distanz,

  • Arbeit mit Gefühlen und Körperempfindungen,

  • kreative Methoden,

  • konkrete Aufgaben für den Alltag.


So können Paare ihre Ver-wicklungen begreifen, neue Erfahrungen machen und sich gemeinsam ent-wickeln. Diese Erfahrungen am eigenen Leib und das bewusste Erleben der Zwischenleiblichkeit sind meist wichtiger als das Reden.


Was ist das Ziel?


Das Ziel ist nicht, eine perfekte Beziehung zu schaffen. Das Ziel ist eine lebendige, ehrliche und tragfähige Beziehung.


Eine gute Paartherapie kann helfen,

  • sich selbst, einander und die Beziehung besser zu verstehen,

  • wieder mehr miteinander statt gegeneinander zu handeln,

  • Vertrauen und Nähe aufzubauen,

  • Intimität wieder zuzulassen,

  • Unterschiede besser auszuhalten,

  • gemeinsame Stärken wiederzuentdecken,

  • eine neue Ausrichtung für das gemeinsame Leben zu finden und

  • eine bewusste Entscheidung für die Zukunft zu treffen.


Manchmal bedeutet das: Das Paar findet wieder zueinander. Es kann auch bedeuten: Das Paar erkennt klarer, was noch möglich ist und was nicht mehr. Und manchmal bedeutet es auch: Das Paar kann sich in Würde und gegenseitigem Respekt von einander lösen.


Darüber hinaus ist Integrative Paartherapie in Teilen auch Einzeltherapie in Anwesenheit des Partners. Von Ihrer Entwicklung - individuell und als Paar - können nicht zuletzt auch Ihre gemeinsamen Kinder profitieren.


Wann ist Paartherapie sinnvoll?


Für die meisten Menschen ist es völlig normal ihr Auto jährlich in die Werkstatt zum Service zu bringen. Kaum jemand käme auf die Idee mit abgefahrenen Reifen, verschlissenen Bremsen, ohne Motoröl, blinkenden Warnleuchten, defekter Lenkung und einem beunruhigenden Motorgeräusch weiterzufahren, bis das Auto liegenbleibt, Pannenhilfe notwendig und der Schaden gar nicht mehr zu beheben ist.


Bemerkenswerterweise verhalten sich viele Menschen in ihren Beziehungen aber genau so. Die Reifen sind abgefahren. Die Beziehung hat an Halt verloren. Gemeinsame Interessen, Berührungen, Gespräche oder Rituale sind weniger geworden. Man funktioniert noch, aber die Verbindung trägt nicht mehr so zuverlässig. Die Bremsen sind verschlissen. Konflikte lassen sich nicht mehr rechtzeitig stoppen. Diskussionen eskalieren schneller, Worte werden verletzender und es gelingt immer schlechter, innezuhalten oder aufeinander zuzugehen. Motoröl fehlt. Der Beziehung fehlt das, was sie geschmeidig und lebendig hält: Zuwendung, Wertschätzung, Humor, gemeinsame Zeit, Sexualität, Nähe und kleine Gesten der Verbundenheit. Ohne diese „Schmierstoffe“ entsteht Reibung. Diverse Warnleuchten blinken. Wiederkehrende Warnzeichen werden ignoriert. Häufige Streitereien, Schweigen, Rückzug, Gereiztheit, fehlende Sexualität, Einsamkeit trotz Partnerschaft oder Gedanken an Trennung. Man sieht, dass etwas nicht stimmt, fährt aber trotzdem weiter. Die Lenkung ist defekt. Das Paar hat den Blick auf die gemeinsame Zukunft verloren und die Partner bewegen sich zunehmend in unterschiedliche Richtungen. Vorstellungen über Familie, Beruf, Freizeit, Sexualität oder Zukunft passen nicht mehr zusammen. Es gibt kaum noch gemeinsame Pläne, Wünsche oder Vorstellungen davon, wohin das gemeinsame Leben führen soll. Der Motor macht beunruhigende Geräusche. Man spürt, dass etwas grundsätzlich nicht mehr rund läuft, kann aber vielleicht noch gar nicht genau sagen, was. Die Stimmung hat sich verändert, Gespräche fühlen sich anders an, Nähe wird schwieriger – ein diffuses Gefühl: Irgendetwas stimmt zwischen uns nicht.


Was ich mit dieser automobilen Metapher ausdrücken will: Eine Paartherapie muss nicht die Pannenhilfe einer Beziehung sein, wenn gar nichts mehr geht. Sie kann auch Service, Update, Überprüfung und gemeinsame Neuausrichtung bedeuten.


Viele Paare warten sehr lange, manche zu lange. Oft haben sich dann Verletzungen, Kränkungen, Rückzug und Enttäuschung bereits stark verfestigt. Die Beziehungskrise ist so weit fortgeschritten, dass ein gemeinsames Weitergehen kaum noch möglich erscheint: massive Distanz, Affären, Trennungswünsche oder völlige Resignation können eintreten. Daher gilt: Je früher Paare Hilfe suchen, desto besser. Es genügt am Anfang oft schon, wenn beide sagen: „Wir wissen nicht genau wie, aber wir möchten es versuchen.“


Ein erster Schritt


Auch wenn es sich im Moment vielleicht so anfühlt, Paartherapie ist kein Zeichen von Scheitern. Sie ist ein Zeichen dafür, dass Ihnen die Beziehung wichtig ist und Sie gemeinsam Verantwortung übernehmen. Wer sich Hilfe holt, gibt der Beziehung eine neue Chance. In einem geschützten Rahmen kann wieder sichtbar werden, was unter Streit, Enttäuschung, Kränkung oder Rückzug noch vorhanden ist: der Wunsch nach Verbindung, Sicherheit, und Verstandenwerden.


Gleichzeitig kann dieser Schritt mit der Erkenntnis einhergehen, es nicht ohne Hilfe zu schaffen. Möglicherweise schämen Sie sich, so wie ich es getan habe. Ich kenne diese Situation und die damit einhergehenden Gefühle auch aus der anderen Perspektive, als Ehemann und Vater. Als Paartherapeut, als Entwicklungshelfer für Menschen in Beziehungen begleite ich Sie gerne auf diesem gemeinsamen Weg.


Wenn Sie Fragen haben oder mich gemeinsam mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner im Rahmen eines Erstgesprächs kennenlernen möchten, setzen Sie sich gerne mit mir in Verbindung.

 
 
 

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